Kriegskurs…? Gerne, aber bitte friedensethisch…!

(6. Mai 2026)

„Wie erleben nicht nur einen Krieg in Europa, genauer in der Ukraine. Deutschland und seine europäischen Nachbarn sind jetzt schon Angriffsziel: Hybride Bedrohungen, Angriffe auf die kritische Infrastruktur, Cyberattacken sind nur einige Stichpunkte. Alle relevanten Akteure aus Militär, Nachrichtendiensten und Wissenschaft warnen davor, dass Russland bereits vor Ende dieses Jahrzehnts in der Lage sein könnte, NATO-Gebiet anzugreifen. In Deutschland bereiten sich die verschiedenen Sicherheitsressorts – die Bundesministerien des Innern, der Verteidigung, der Finanzen und für Wirtschaft und Energie sowie das Auswärtige Amt – auf die neue Bedrohungslage vor. Die Bundesregierung hat 2023 erstmals eine Nationale Sicherheitsstrategie veröffentlicht.“

Was man hier liest, ist nicht etwa Teil einer Erklärung des Verteidigungsministeriums, wie man nach Wortwahl und Sprachduktus annehmen könnte, nein, es ist die Einleitung zur Kontext-Beschreibung des „Ökumenischen Rahmenkonzepts Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall“, einem als „intern“ bezeichneten gemeinsamen Arbeitspapiers der evangelischen und katholischen Kirche. (https://www.dbk.de/fileadmin/redaktion/diverse_downloads/presse_2026/2026_Oekumenisches-Rahmenkonzept_Seelsorge-im-Spannungs-Buendnis-und-Verteidigungsfall.pdf; 5.5.2026)

Mit diesem im Dezember 2025 verabschiedeten, aber, wie die FAZ am 5. Mai zu berichten wusste, eher unter den publizistischen Teppich gekehrten (es gab offenbar keinerlei Pressemitteilung oder sonstige Verbreitung) Konzept reihen sich die beiden großen Kirchen – oder sollte man sagen, Staatskirchen – willfährig in die staatlich wie medial veranstaltete Generalmobilmachung und Kriegsvorbereitung ein.

Daran vermag selbstverständlich auch die gleichsam als salvatorische Klausel vorangestellte Erklärung, das vorgelegte Konzept beabsichtige „in keiner Weise, diese friedensethischen Diskurse und Grundeinsichten zu relativieren“, (gemeint sind die der Kirchen in der Vergangenheit) nichts zu ändern. Den Charakter dieses Lippenbekenntnisses als bloße Phrase belegt der unmittelbare Folgesatz: „Es geht allerdings darum, sich für Situationen vorzubereiten, in denen alle Friedensbemühungen gescheitert sind. Nicht zuletzt der russische Angriffskrieg auf die Ukraine zeigt, dass so ein Fall tatsächlich eintreten kann.“

Wo bitte waren die Friedensbemühungen im Vorfeld des Ukrainekrieges? Die Ablehnung bzw. das Ignorieren eines Gesprächsangebots im Dezember 2021 als Friedensbemühung? Das mantrahafte Drohen mit den umfassendsten Sanktionen gegen Russland eine Friedensbemühung? Die Verhöhnung des Primats der Diplomatie als Friedensbemühung?

Das Rahmenkonzept steht nicht allein.

Zu erinnern ist an die phänomenale „Denkschrift“ der EKD, in der man sich sogar zur Rechtfertigung des Präventivkriegs aufschwingt.

Anfang Mai 2026 schließlich hat der katholische Militärbischof Overbeck gleich einmal nachgelegt. Er plädiert für die rasche Wiedereinführung der Wehrpflicht. Der angestrebte Aufwuchs auf 230.000 Soldatinnen und Soldaten sei mit einem freiwilligen Dienst nicht zu erreichen. „Ich halte die Situation für zu gefährlich, als dass man da ewig warten kann“, wird er von der Süddeutschen Zeitung (www.sueddeutsche.de, 3.5.2026) zitiert.

Die Wehrpflicht muss nach Überzeugung Overbecks für Männer und Frauen gelten. Im Jahr 2026 sei die Gleichstellung von Mann und Frau nicht mehr nur ein Versprechen, sondern gelebte Realität. (Die Bundeswehr ist schließlich nicht die katholische Kirche!) Wer nicht zur Bundeswehr wolle, solle einen zivilen Ersatzdienst leisten – ein verpflichtendes Gesellschaftsjahr. „Wehrpflicht oder Gesellschaftsjahr, je nach Form des Einsatzes“, sagte Overbeck.

Aber nicht nur die „zu gefährliche“ Situation – wir alle wissen, wo die Situation zu gefährlich ist, richtig, im Osten – hat der Militärbischof im Blick, dieser geht weiter, in den Mittleren Osten, zur Straße von Hormus. Dort sieht Overbeck nicht nur ein militärisches, sondern vor allem ein „wirtschaftliches Bedrohungsszenario mit direkten Folgen für Deutschland“. „Da wird wieder ein Krieg geführt mit den Mitteln der Wirtschaft – das ist die Waffe, und die ist wirksam“, sagt er. Eine Beteiligung der Bundeswehr – konkret der Marine – sei daher geboten. Allerdings nur im Verbund mit Partnern: „In der hochkomplexen Weltlage, in der wir befindlich sind, können wir uns einfach nicht mehr raushalten.“ Der Militärbischof ist nicht nur für den militärischen, er ist auch für den Wirtschaftskrieg zuständig, und weiß, worauf es ankommt.

Sich-nicht-mehr-raushalten-können, das ist die bekannte Chiffre dafür, sich an die Spitze zu setzen. Fehlt nur noch der Hinweis, dass Deutschland endlich „Verantwortung übernehmen“ müsse. Militaristen, Imperialisten und Kirchen Arm in Arm… das ist Deutschland 2026.

 

Man verschone uns mit friedensethischer Phraseologie!