Zwischen Winterhilfswerk und Sportpalast

(6. Februar 2026)

Was vor fünfzig Jahren noch unmöglich schien und angesichts der zu schärfster Abgrenzung und gegenseitiger Bekämpfung nötigenden ideologischen Unterschiede ausgeschlossen war, ist nunmehr in Person der beiden Renegaten Gerd Koenen und Karl Schlögel auf der gemeinsamen Plattform der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 4.2.2026) gelungen: die Vereinigung der beiden Avantgardeparteien ‚Kommunistischer Bund Westdeutschlands‘ (KBW) und ‚Kommunistische Partei Deutschlands/Aufbauorganisation‘ (KPD/AO). Möglich gemacht hat die Vereinigung der bereits damals vorhandene Kleinstnenner, der entschiedene Kampf gegen den „Sozialimperialismus“ der Sowjetunion, heute Russland. Und noch etwas ist eingetreten, wovon die beiden Parteien seinerzeit nur träumen konnten, nämlich Avantgarde und Sprachrohr breiter Volksmassen (in heutiger Sprache: Mainstream) zu sein. Dass nicht mehr die ‚Kommunistische Volkszeitung‘ oder die ‚Rote Fahne‘ als Zentralorgan fungieren, sondern die FAZ, sei’s drum…

Dort haben sich die beiden ehemaligen Volkskämpfer zu einem Artikel zusammengetan („Nacht über Kiew“), in dem zunächst einmal die Folgen des Kriegs für die Menschen geschildert und en passant nach der des „Holodomor“ neuen Legende, dem „Cholodomor“, dem Kälte-Tod oder, wie man in Kiew in gewohnt bescheidener Manier zu sagen pflegt, dem „Wintervölkermord“, gestrickt wird. So lang dieser Anlauf auch sein mag, so wenig vermag er den Beweis der Behauptung der Autoren zu erbringen, dass nämlich („jeder kann es mit bloßem Auge sehen“) „dieser Aggressionskrieg gegen die Ukraine auch ein Krieg Russlands gegen Europa, also gegen uns alle“ ist. Diese Behauptung ist es aber, die nicht nur die deutsche Bevölkerung seit vier Jahren dazu bringen soll und gebracht hat, tatenlos zuzuschauen, wie Milliarden ihrer Steuergelder in der Ukraine verpulvert (und tausende Menschenleben geopfert) werden, sie bildet auch die Grundlage für die Generaloffensive, zu der die beiden Bellizisten nunmehr blasen.

Als wohlhabende und “scheinbar (noch) weitab vom Schuss liegende und im Warmen sitzende Gesellschaft sind wir ja in praktischer Solidarität nicht unerfahren“, sondern sogar ziemlich tatkräftig, ja großzügig“, konstatieren sie. Aber die bisherigen Erfahrungen bei Erdbeben und Überschwemmungen, aber auch bei Kriegen und Bürgerkriegen, die spontane Hilfe für das „ausgepowerte Polen“ 1981 und „selbst das Beispiel der Luftbrücke in der Berlin-Blockade 1948/1949“, das alles wird herangezogen und über einen Leisten geschlagen, erscheint indes nur als Geplänkel angesichts der Aufgaben „jetzt am Vorabend des vierten Jahrestages der Invasion, da die Ukraine sich gegen den unmenschlichen Angriff eines übermächtigen Aggressors“ (der zuvor freilich als am militärischen und ökonomischen Abgrund stehend beschrieben wurde). Jetzt, so die Autoren, „wäre der genau richtige Zeitpunkt, um die vielen persönlichen Hilfsbereitschaften und Einzelaktionen in einem größeren Rahmen sichtbar zusammenzuführen und die allenthalben wieder eingezogenen ukrainischen Fahnen noch einmal aufzuziehen“.

Jenseits dessen, was die Regierung – natürlich zu wenig – zur Unterstützung der Ukraine tut, „wäre es hier und jetzt aber die Sache des Bundespräsidenten, der Medien, der Kommunen, der Berufsverbände, der Gewerkschaften, der Kirchen und aller Einzelnen, in einer koordinierten, vielseitigen Hilfs- und Spendenaktion noch einmal politisch sichtbar zu machen, was die Zivilgesellschaft dieses Landes unserem bedrängten Nachbarn in dieser extremen Notsituation als Expresshilfe zu leisten bereit ist, dem alten (?) Motto folgend: ‚Für eure und für unsere Freiheit‘“.

Der Appell an diese illustre Koalition von Bundespräsident bis Gewerkschaften, von Kommunen bis zu den ohnehin in dieser Frage längst selbst-gleichgeschalteten Medien, das klingt nach Winterhilfswerk. Aber noch mehr klingt es nach Sportpalast. Hinter den kämpfenden Truppen den Kampf in der Heimat mit wilder Entschlossenheit fortzusetzen und wenn es nötig ist, das Letzte herzugeben…

Unglaublich, wozu sich Historiker versteigen können!

Aber da fällt uns noch etwas ein.

Mensch, Schlögel, alter Kämpfer, wo ist deine Zuversicht geblieben? Gerade einmal vier Monate ist es her, da hast du dem deutschen Kulturestablishment mit einer Rede in der Frankfurter Paulskirche anlässlich der Verleihung des sogenannten Friedenspreises des Deutschen Buchhandels das russophobe Herz gewärmt und dich am Ende zu dem doppelbödigen Apercu hinreißen lassen, von der Ukraine lernen, heiße siegen lernen.

Nun ja, es sei dir zugutegehalten, dass du ein leises ‚vielleicht‘ eingeflochten hast. Dennoch klang das damals noch nach Sieg und nicht nach Mobilmachung letzter Reserven, die du jetzt forderst. Vielleicht musst du doch noch, wie bereits kurz nach Kriegsausbruch von dir gefordert, zusammen mit Kamerad Koenen im Rahmen einer internationalen Kleinstbrigade (Koenen/Schlögel) in die Ukraine aufbrechen…