Wählende Nichtwähler
25. September 2026
Bei den drei Landtagswahlen der letzten Wochen hatten die Kaffeesatzleser der Wahlforschung auf der Suche nach der Herkunft des erheblich angewachsenen Wählerpotentials der AfD eine Gemeinsamkeit zu konstatieren: Ihr sei es (neben dem Abziehen von erklecklichen Wählerzahlen von anderen Parteien) „gelungen in erheblicher Zahl Nichtwähler zu mobilisieren“. Woraus sich ja unmittelbar die Frage ergibt, warum es der AfD, nicht aber den anderen Parteien („der gesellschaftlichen Mitte“ oder „der demokratischen Mitte“) gelungen ist, diese Wähler „zu mobilisieren“.
Tatsächlich waren es die „Parteien der Mitte“, also CDU/CSU, SPD, GRÜNE, die diese Wähler mobilisiert haben, allerdings für die AfD! Wie das?
Jahrelang oder besser, jahrzehntelang waren diese Nichtwähler zunächst Wähler, nämlich jener Parteien der Mitte („Parteibindung“ nannte man das) gewählt, um ihre Interessen zu wahren. Genutzt hat es ihnen… nichts! Diese Parteien haben ihre Politik ohne oder gegen die Interessen dieser Wählerschaft unbeeindruckt fortgesetzt. Dass die Unterprivilegierten ihre Interessen politisch weitaus weniger oder gar nicht durchsetzen können, ist hinreichend erforscht.
Hinreichend erforscht ist auch, dass diese Wähler sich angesichts der Aussichtslosigkeit ihres Wählens irgendwann entschlossen haben, nicht mehr zu wählen, zu Nichtwählern zu werden. Das hat in der Folge zu teilweise dramatisch niedrigen Wahlbeteiligungen geführt, die die Legitimation des repräsentativen Systems ernsthaft zu gefährden drohten.
Gleichwohl beließ man es allwahlsonntäglich bei dem mit Pathos vorgetragenen Bedauern, dass nur soundsoviel Prozent… und gelobten, daran zu arbeiten, um sodann nicht nur daran nicht zu arbeiten, sondern ihre Politik ungestört fortzusetzen…
Die nunmehr Nichtwähler mussten also feststellen, dass nicht nur ihr Wählen, sondern auch ihr Nichtwählen an ihrem Schicksal nicht das geringste änderten.
Bis… ja, bis da eines Tages eine Partei auf dem Stimmzettel erschien, die erst nur wenige, irgendwann aber ein paar mehr Wähler ankreuzten. Die kratzte zunächst nur an der 5 %-Hürde, übersprang diese aber bald locker. Das entscheidende aber war: Anders als Wählen oder Nichtwählen zuvor, reagierte das etablierte politische und mediale System. Mit zunehmenden Wahlerfolgen der AfD immer stärker und immer ratloser.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hat ihre Wahl, sagen wir es ganz allgemein, überhaupt eine Folge, eine Konsequenz: Ich wähle, und zum ersten Mal, beginnen etablierte politische Figuren zu tanzen! Wenn das kein Grund zur Freude ist, der geradezu nach mehr verlangt! Während indes die Wahl der AfD in der Vergangenheit eher ein Piesacken, eine Herausforderung des etablierten Systems war, besteht mit der Wahl in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal die Gefahr, dass die AfD tatsächlich regiert.
Dass die AfD keineswegs die Interessen der sie wählenden Betroffenen verfolgen und verwirklichen wird, ändert an vorstehendem Befund nichts. Es genügt, dass sie verspricht „etwas“ oder gar „alles anders zu machen“ als die bisher regierenden Parteien. Die politischen Absichten der AfD und die verheerenden Konsequenzen einer AfD-Regierung nicht zu durchschauen, ist auch Ergebnis der von den „Parteien der Mitte“ über Jahre hin betriebenen Entpolitisierung der Wählerschaft.